1. Jean de Sperati – „Gefangen in der eigenen Falle“!

Wolfgang Maassen, AIJP

Man stelle sich ein Szenario vor, in dem der Fälscher sich gegen Vorhaltungen zur Wehr setzen muss, seine von ihm kunstvoll geschaffenen Produkte seien alle echt? Eine verkehrte Welt? Mitnichten, denn auch das hat es gegeben. 1943 in einem Aufsehen erregenden Prozess, der für Jahre die philatelistische Öffentlichkeit in Atem halten sollte.

Jean de Sperati ist mit keinem anderen Fälschertyp vergleichbar. Er sah sich – vergleichbar François Fournier oder Peter Winter – nicht als Fälscher, sondern als Künstler, der in späteren Jahren stolz seine Werke als Faksimiles signierte. Sogar Druckproben schuf er davon, die die Schönheit, Brillanz und Akkuratesse seiner Kreationen im Einzelabzug ohne Entwertung zeigten, für die er selbst ein Copyright beanspruchte und jede Vervielfältigung untersagte. Anders als Fournier war er aber ein hochbegabter und fähiger Könner, sowohl im druck- und produktionstechnischen wie im philatelistischen Sinne.



Jean de Sperati bei der sorgfältigen Qualitätsprüfung eines Replikates. Bildvorlage: WM-Archiv
Jean de Sperati bei der sorgfältigen Qualitätsprüfung eines Replikates. Bildvorlage: WM-Archiv


Ihm lag nichts an Masse, ausschließlich nur an der Klasse seiner Schöpfungen, für die er allerdings auch beträchtliche Summen einforderte. Er pflegte stolz ein „Goldenes Buch“, indem er all jene Exemplare aufbewahrte, die namhaften Prüfern in diversen Ländern vorgelegt worden waren und die von diesen Echtheitsexpertisen erhalten hatten. Es bereitete ihm Vergnügen zu sehen, wie er die Prüferzunft vorführen konnte, und dies in einem solchen Umfang, dass er dafür hinreichend Stoff für ein Buch fand, das er unter dem Titel „La Philatélie sans Experts?“ veröffentlichte.



Jean de Sperati: La Philatélie sans experts? Imprimerie Nouvelle, Paris 1946
Jean de Sperati: La Philatélie sans experts? Imprimerie Nouvelle, Paris 1946


Er war so eingenommen von seiner eigenen Leistung und so stolz auf sein Werk, dass er bis September 1946 sogar die Subskription eines Werkverzeichnisses unter dem Titel „Philatélie d’Art Les Jean-de-Sperati“ offerierte. Allerdings in einer Luxus-Leder-Edition zu Preisen von damals 185.000 Francs (Band 1) bzw. 135.000 Francs (Band 2). Selbst die einfachen Versionen sollten 5.800 Francs bzw. 4.500 Francs kosten, beinhalteten dafür aber keine „Originale“, sondern nur die Beschreibung der Replikate.[1] Solche Preise schreckten interessierte Käufer ab, es sollen sich nur drei gefunden haben, die diese Luxus-Edition erwarben. Zwei davon wurden später von ihren Besitzern aufgelöst, ein drittes wurde 2011 vom Auktionshaus Christoph Gärtner für 65.000 Euro ausgerufen.[2] Es enthielt 225 sog. Probedrucke (Einzelabzüge) aller Länder von Argentinien bis Württemberg und gehörte ursprünglich Victor Sylvestre, dem Sperati eine Widmung ins Album schrieb.

Speratis Faksimiles resp. Replikate waren Einzelanfertigungen; sie wurden nicht bogenweise in Mengen gedruckt. Er tüftelte an höchst komplizierten Kombinationen zu seiner Zeit neuer Reproduktionsverfahren, einer Kombination von Kontaktfotographie mit Heliographie, deren chemisch genau ausgetüftelte Resultate ihm die Reproduktionsqualität in einem solchen Maße erlaubte, dass es kaum noch möglich war, seine Fälschungen zu identifizieren. Damit erntete er lobende Anerkennung von all denjenigen, die seine Produkte kauften und wiederverkauften. Ähnlich wie bei Fournier blühte über Jahrzehnte der Verkauf seiner Falsifikate, besonders im europäischen Handel, der somit vielfach zum Hehler wurde. Wenngleich sich heutige Besitzer von Sperati-Fälschungen trösten dürfen, denn der Marktwert seiner Kreationen ist nicht erst seit heute häufig den Originalen vergleichbar, in einzelnen Fällen liegt er sogar höher.



Jean de Sperati_Buch_Lowe_Walske2001Jean de Sperati_Buch_Lucette_Blanc_Girardet2003
Zwei der 2001/2003 erschienenen Bücher, die Jean de Speratis Leben und seine bis dahin neu entdeckten „Produktionen“ dokumentieren.


Man kann Jean de Sperati durchaus als Künstler bezeichnen, der auch dank seiner kalligraphischen Fähigkeiten Ganzstücke schuf, die vom Original kaum noch zu unterscheiden sind. Auch in anderer Hinsicht hebt sich Jean de Sperati eindeutig von allen anderen bekannten Fälschern mit Rang und Namen sichtbar ab: Er ist der einzige, zu dem bis heute – gerade im englischsprachigen Bereich – eine umfangreiche Fachliteratur existiert, die noch vor knapp 20 Jahren von der Royal Philatelic Society London um ein weiteres Fachwerk bereichert wurde.[3] Wer sich mit Jean de Sperati näher auseinandersetzt, der lernt das Phänomen „Faszination Sperati“ näher kennen!



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[1] Die Angaben sind der Biografie von Lucette Blanc-Girardet entnommen, die diese 2003 unter dem Titel „Jean de Sperati. L’homme qui copiait les timbres“ veröffentlichte. Der Autor ist auch Michael Burzan zu Dank verpflichtet, dessen über Jahre (2011–2014) in der Zeitschrift „philatelie“ veröffentlichten Artikelserie zu Jean de Sperati und dessen Altdeutschland-Fälschungen er interessante Details entnehmen konnte.

[2] C. Gärtner-Auktion, Juni 2011, Los 13724.

[3] Aus der reichlich vorhandenen Literatur zu Jean de Sperati wurden für die Bearbeitung insbesondere folgenden Quellen genutzt:
Ernst Müller: Jean de Sperati, mehrteilige Artikelserie in: Die Basler Taube, ab Nr. 12/1947–Nr. 5/1948
Chapman, Kenneth F.: Sperati. Master Craftsman, in: Stamps Januar 1990, S. 53–58; Februar S. 82–86; März S. 44–49. Der Text erschien 2002 als Beilage zum LONDON PHILATELIST in nahezu unveränderter Form als Sonderdruck.
Deutsche Briefmarken-Zeitung (DBZ) Jg. 1909, S. 62, S. 171
Lowe, Robson: The Work of Jean de Sperati, hrsg. von der British Philatelic Association, London 1955
Lowe, Robson/Walske, Carl: The Work of Jean de Sperati II, hrsg. von der Royal Philatelic Society London 2002
Walske, Carl: New Sperati Discoveries, A Display at the Royal Philatelic Society, 3 May 2001; Sonderdruck/Leseprobe vom Antiquariat Burkhard Schneider, Gelnhausen 2002